Die älteste Big Band der Welt
Geschrieben am Sunday, January. 05. @ 15:03:14 CET von krusenstern |
|
galoschi writes "BIG BAND OLEG LUNDSTREM
von Simon Widmer-Nesterov
Oleg Lundstrem bereitet den Tee in seiner Moskauer Wohnung nach chinesischer Art zu; Blütentee, etwas Jasmin sowie Grüntee. Lundstrem ist am 20. März 1916 in Sibirien als Sohn eines Eisenbahningenieurs schwedischer Abstammung geboren. Als er fünf Jahre alt war, fand sein Vater Arbeit bei der Russisch-Chinesischen Eisenbahn und die Familie zog nach Harbin in die ehemalige Mandschurai. Die Stadt Harbin, wurde extra für die russischen Arbeiter der KWSHD (Chinesische Ostbahn) erbaut. Die Stadt war fest in russischer Hand, die Eisenbahner verdienten gut und das Geld musste irgendwie ausgeben werden. So verbrachte Oleg Lundstrem seine Jugendzeit in einer kulturell belebten Stadt. Er spielte schon in frühen Jahren in einigen Tanzkapellen, die ganze Stadt fröhnte dem Foxtrott. 1934 wurde die Big Band gegründet. Obwohl der unerfahrendste Musiker, wurde Oleg einstimmig zum Bandleader erklärt. Die neugegründete Jazzband spielten Musik nach ihrem grossen Vorbild - Duke Ellington.
Als 1935 die Japaner in die Mandschurai eingefallen waren, verliessen Oleg Lundstrem und seine Big Band Harin und flohen nach Schanghai. Sein Vater wurde wie 25'000 andere sogenannte KWSHD-Russen, bei ihrer Rückkehr ins Heimatland erschossen.
Das Schanghai der dreissiger Jahre, das Babylon des Fernen Ostens, war zu dieser Zeit bereits eine pulsierende Metropole mit 9 Millionen Einwohnern aus aller Welt. Vorallem aber wurde Schanghai von den Engländern geprägt.
Die Big Band von Oleg Lundstrem machte sich in Schanghai schnell einen guten Namen. Die beste Adresse zu dieser Zeit war das" Lyceum Theatre", wo vorallem symphonische Konzerte gegeben wurden. In diesem Theater spielte die Big Band auch vor amerikanischen Soldaten, die über Schanghai aus dem 2. Weltkrieg nach Hause fuhren. Bei diesen Siegesfeiern liess sich Oleg Lundstrem etwas Besonderes einfallen: Er bearbeitete symphonische Stücke von Rachmaninov für seine Big Band und spielte sie vor den amerikanischen Soldaten. Diese schrien begeistert: “Stan Kanton!” Die russischen Musiker hatten aber von Stan Kanton und seinem symphonischen Jazz nie etwas gehört. Denn die Japaner hatten den Kurzwellensender abgestellt; das sowjetische Radio brachte keinen Jazz. Es waren also unabhängig voneinander in Amerika und der Sowjetunion die gleichen Ideen zum Jazz entstanden.
1947: Maos Truppen standen vor den Toren Schanghais. Russland war vom Krieg ausgezehrt. Oleg Lundstrem, unterdessen auch Absolvent des französisch polytechnischen Institutes, sowie ausgebildeter Ingenieur, zog mit seinen Musikanten in die Heimat. Stalin war mit den zurückkehrenden Schanghai- Russen relativ gnädig; sie kamen nach Sibirien oder wurden nach Tartarstan geschickt. Oleg und seine Musikanten bekamen am jungen Konservatorium von Kasan eine Anstellung.
1948 entschied das Zentralkomitee der kommunistischen Partei: Das Volk braucht keinen Jazz. Oleg spielte nun Geige im Orchester von Kasan, andere Musiker seiner Band spielten in Restaurants oder gar auf der Strasse. Später begleitete man tartarische Volkssänger auf Ihren Tourneen. Natürlich war die Begleitung der tartarischen Volksmusik immer leicht "swingig".
Zu dieser Zeit wurde Jazz-Musik in der Sowjetunion "auf die Rippen aufgenommen". Man kratzte den beliebten Jazz auf Röntgenbilder, und manchmal wurden die eigenartigen Schallplatten sogar verkauft.
Nach Stalins Tod leitete Chruschtschow das sogenannte sowjetische Tauwetter ein. Doch nur dank der grossen Initiative von Schostakovitsch in Moskau wurde die leichte Musik, Jazz, wieder salonfähig.
In den 60-er bis 80-er Jahren erlebte das "Oleg Lundstrem Orchestra" seine Glanzzeiten mit Konzerten in der ganzen Sowjetunion, Europa sowie Amerika. So erfuhr die Welt, dass der Jazz auch in der Sowjetunion existierte.
1972 spielte Duke Ellingtons Big Band in Moskau. Oleg Lundstrem traf sein grosses Vorbild, ohne das er wohl Ingenieur geworden wäre.
Oleg Lundstrem ist zum Volkskünstler Russlands ernannt worden. Im Jahre 1994 wurde seine Big Band ins Guiness Buch der Rekorde, als älteste Big Band der Welt aufgenommen.
1998 starb seine Frau, mit der er 46 Jahre verheiratet war. Die Ehe blieb kinderlos.
Nun, Oleg Lundstrem dirigiert weiter, gibt den magischen Impuls. Der Saal ist entflammt; die Kunst hat begonnen.
Kontakt/Telefon: 007 95 264-3678
E-mail: Oleg Lundstrem
Quellen: O. Bugrova; Malita Film"
|
| |
|